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Achtsamkeit ist eine Gabe, auf die wir jederzeit zurückgreifen können, wenn wir uns dazu entscheiden, im Hier und Jetzt anzukommen.

 

So wie ein Kind mit Neugier und Offenheit seine Welt entdeckt, können wir uns auch als Erwachsene darin üben, freundlich und interessiert unsere Erfahrungen wahrzunehmen. Dabei hilft die Vorstellung, wir nähmen unsere Umgebung zum allerersten Mal bewusst wahr – die Beschaffenheit des Bodens, auf dem wir stehen, die Gegenstände um uns herum, die Raumtemperatur, Geräusche, Düfte, einen bestimmten Geschmack, vielleicht sogar unsere Kinder oder unsere:n Partner:in.

 

Im Hier und Jetzt verweilen

Meistens beschäftigen wir uns in erster Linie mit unseren Gedanken, verweilen entweder in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Im Hier und Jetzt befinden wir uns eher selten. Dieses „Wandern des Geistes“ ist völlig normal. Schließlich ist unser Gehirn so konzipiert, dass es unser Überleben gewährleistet. Aus diesem Grund scannt es permanent die Umgebung ab, auf der Suche nach eventuellen Gefahren.

Wenn wir in der Vergangenheit eine unangenehme Situation erlebt haben, wird diese „Geschichte“ immer wieder abgerufen, bis wir vielleicht irgendwann eine bessere Lösung gefunden haben. So machen wir uns eigentlich ständig Gedanken über Dinge, die bereits geschehen sind und die wir nicht mehr ändern können, oder wir verlieren uns in sorgenvollen Szenarien in der Zukunft, welche nie eintreten müssen.

Beeinflussen können wir allerdings nur den gegenwärtigen Moment, indem wir möglichst aufmerksam für das sind, was gerade geschieht, und für die Entscheidungen, die wir treffen wollen.

 

Kämpfen - Flüchten - Erstarren

Stehen wir unter Stress – und das ist wahrscheinlich der Alltag – haben wir die drei automatischen Stressantworten „Fight, Flight, Freeze“, also „Kämpfen, Flüchten, Erstarren“. „Automatisch“ deshalb, weil wir nicht über diese Strategien nachdenken müssen. Im extremen Notfall, bei Gefahr, ist die Stressantwort nützlich und rettet uns das Leben. Im Alltag, wenn wir beispielsweise im Stau stehen oder in einen Konflikt mit einem Familienangehörigen geraten, setzt dieselbe Reaktion ein, obwohl es nicht um unser Überleben geht.

Konkret bedeutet das: unsere Muskeln werden unwillkürlich angespannt, der Herzschlag erhöht sich, die Atmung wird flacher. Wir bewerten die Situation als unangenehm, haben Stressgedanken, verspüren vielleicht Wut oder Hilflosigkeit. Diese Gedanken und Gefühle verursachen noch mehr Stress, und wir haben nur noch den einen Wunsch: aus der Situation auszusteigen! Möglicherweise verhalten wir uns dann in einer Weise, die den Konflikt verschärft, oder wir ärgern uns still, bis wir bei nächster Gelegenheit explodieren...

 

Die unbewussten Muster erkennen

Sind wir in der Lage, achtsam wahrzunehmen, wie sich Stress einstellt, haben wir die Wahl, wie wir uns verhalten wollen. Wir bemerken die Muskelanspannung, nehmen die Gedanken und Gefühle wahr, sind vielleicht in der Lage, eine Auszeit einzulegen, um bewusst zu atmen. Wenn wir dann erst agieren, nehmen wir viel günstigere Verhaltensweisen ein, wodurch auch unsere Beziehungen zu anderen Menschen profitieren. Wir sind freundlicher, ausgeglichener, klarer.

Im Verlauf einer regelmäßigen Achtsamkeitspraxis vertiefen wir das Bewusstsein für innere Prozesse und erkennen die unbewussten Muster, Gedankenformationen und Körperempfindungen.

Oft ist es gar nicht nötig, etwas zu verändern. Dies fällt uns in unangenehmen Situationen, wie gerade beschrieben, schwerer als in angenehmen. An letzteren halten wir gerne fest, weil die angenehmen Gefühle besser auszuhalten sind.

 

Mit Achtsamkeit können wir lernen, immer mehr Ereignisse genauso zu akzeptieren wie sie sind, und unterscheiden, wann es wirklich darum geht, etwas zu verändern.

 

Die Realität zu akzeptieren kann sehr ernüchternd sein, schafft aber auch Klarheit darüber, was wir vorfinden. Achtsam eine Entscheidung zu treffen ist meist der weisere Weg, auch wenn es bedeutet, uns einer unangenehmen Wahrheit zu stellen.

 

 „Während meiner jahrzehntelangen eigenen Meditationspraxis und „weltlichen“ Arbeit habe ich gelernt, die Übung der Achtsamkeit als einen radikalen Akt zu begreifen - als eine radikale Maßnahme mentaler Gesundung, des Mitgefühls mit sich selbst und letztlich der Liebe. (Jon Kabat-Zinn, „Gesund durch Meditation“)

 

 

Ein Gastbeitrag von Nicole Zijnen / Achtsamkeitslehrerin MBSR

www.praxis-Lebensfreu.de